Seiteninhalt
21.10.2021

Archivale 05/2021 - Vor 75 Jahren: Programm zur Ratzeburger Kulturwoche vom 24. - 31. Oktober 1946

In der Reihe „Archivale des Monats“ werden seit 2009 ausgewählte Stücke aus dem Stadtarchiv Ratzeburg vorgestellt. Ein Archivale (Plural: „Archivalien“) ist eine im Archiv aufbewahrte Unterlage. Archivalien sind Unikate (Einzelstücke), sie sind als Originale also nur einmal vorhanden.


Das Stadtarchiv Ratzeburg bewahrt neben solchen Archivalien im engeren Sinne allerdings auch andere Zeugnisse aus der Vergangenheit der Stadt auf. So befinden sich in der Archivbibliothek und im Sammlungsbestand zahlreiche interessante Stücke, die ebenfalls in dieser Reihe präsentiert werden. Ergänzt wird diese Reihe durch Beiträge geschichtsinteressierter Bürger, die eigene Bilder, Dokumente oder Erinnerungen beisteuern können.

Das Stadtarchiv Ratzeburg möchte auf diesem Wege möglichst vielen Interessierten besondere Einblicke in den Archivbestand ermöglichen und gleichzeitig, Anregungen zu eigener Beschäftigung mit der Geschichte unserer Stadt geben.

Stadtarchivar Christian Lopau beschreibt in dieser Archivale das Programm zur Ratzeburger Kulturwoche 1946 mit dem Beginn des städtischen Barlach-Gedenkens.

Archivale 05/2021 - Vor 75 Jahren: Programm zur Ratzeburger Kulturwoche vom 24. - 31. Oktober 1946

Aus dem Nachlass des früheren Ratzeburger Bürgermeisters Dr. Otto Hofer (1903-1988, Bürgermeister von 1946 bis 1962) stammt das gedruckte Programm zur Ratzeburger Kulturwoche im Oktober 1946. Für das vielfältige Veranstaltungsprogramm u. a. mit Konzerten, Vorträgen, einer Theateraufführung und Vorstellungen der Ratzeburger Handpuppenbühne Pechascheck, war noch die Genehmigung der britischen Militärregierung erforderlich. In der Eröffnungsrede des Bürgermeisters ist das Bemühen deutlich zu spüren, nach den Jahren der Diktatur und des Krieges ein Zeichen des Neuanfangs zu setzen, “nicht nur mit den Mitteln eines äußeren Aufbaus, sondern zugleich durch ein Versenken in die großen und unzerstörbaren Kulturgüter der Nation.“

Als „Wurzeln“ des grundlegenden Gedankens der Kulturwoche formuliert Dr. Hofer: „Einmal soll ein Querschnitt der künstlerischen Leistungen unserer Stadt aufgezeigt werden. Zum anderen wollen wir den Künstlern und Kulturschaffenden und namentlich unserem Nachwuchs eine gewisse Entfaltungsmöglichkeit bieten, und zum dritten der Bevölkerung unserer Stadt in ihrem Hunger nach den zeitlosen Werten der Kunst und Kultur Freude bringen.“ Gleichzeitig betont Dr. Hofer die integrative Kraft der Kultur, in der Hoffnung, dass aus Flüchtlingen und Alteingesessenen „ein neues Bürgertum entsteht, welches dieses Land und diese Stadt als neue Heimat innerlich freudig bejaht und liebt.“

Vor allem aber stand die Kulturwoche unter dem Zeichen des Gedenkens an Ernst Barlach, der in der Zeit des Nationalsozialismus angefeindet und verfemt worden war. Die Eröffnung der Kulturwoche wurde bewusst auf den achten Todestag Ernst Barlachs gelegt. Bürgermeister Dr. Hofer nahm in seiner Eröffnungsrede besonderen Bezug auf Barlachs enge Verbindung zu Ratzeburg und verlas einen Brief, den Ernst Barlachs Bruder Hans an die „Feiergemeinde“ gerichtet hatte. Anlässlich der Gedenkfeier regte Bürgermeister Dr. Hofer an, „daß unter der Schirmherrschaft der Stadt Ratzeburg eine Zweigstelle der Ernst-Barlach-Gesellschaft hier in Ratzeburg gegründet werden möge“ mit der Aufgabe, das künstlerische Erbe Barlachs zu pflegen, die Erinnerungsstätten in Ratzeburg zu erhalten und zu pflegen und die letzte Ruhestätte würdig auszugestalten. Außerdem sollten jährliche Treffen am Grab des Künstlers vorbereitet und durchgeführt werden. So ist die Kulturwoche des Jahres 1946 auch als Auftakt für die Pflege des künstlerischen Erbes Ernst Barlachs in Ratzeburg zu betrachten.



Quelle: Stadt Ratzeburg